Eine kleine Geschichte…

Schafhirten in der Provence mit Berger des Pyrénées à face rase?

In der Provence ist es üblich, das Vieh, sobald die Sommerhitze kommt, auf die Almen zu schicken,. Tiere und Menschen verbringen fünf, sechs Monate dort oben und hausen bei Mutter Grün, bis über den Bauch im Grase; dann aber, beim ersten Frösteln des Herbstes, steigt man hinab zum Hof und grast wieder nach biederer Haustierart auf den kleinen grauen Hügeln, um die Rosmarinduft weht…

Gestern also kamen die Herden heim. Vom Morgen an wartete das Hoftor, beide Flügel weit offen; in den Schafställen lag frisches Stroh. Von einer Stunde zur anderen sagte man sich:„Jetzt sind sie in Eyguières, jetzt in Le Paradou“. Dann gegen Abend, plötzlich ein allgemeiner Ruf: „Sie kommen!“ – und da hinten, ganz in der Ferne, sehen wir die Herde herankommen, in einem Strahlenkranz von Staub. Die ganze Straße scheint mit ihr zu wandeln… Die alten Böcke kommen zuerst, mit gesenktem Horn und wilder Miene; hinter ihnen die Hauptmacht der Schafe, die Mütter mit ihren Säuglingen zwischen den Beinen, ein bisschen ermattet; Maultiere mit roten Troddeln tragen in Körben die eintägigen Lämmchen und wiegen sie beim Gehen;

zum Schluss die Hunde, schweissbedeckt, mit Zungen bis zur Erde, und zwei lange Kerle, die Schäfer, malerisch in Mänteln aus grober rotbrauner Wolle, die ihnen wie Chorröcke bis zu den Fersen hinabwallen: Das alles zieht lustig an uns vorüber und ergießt sich, wie ein Platzregen stampfend, in das Hoftor…

Die Aufregung im Haus muss man gesehen haben. Von der Höhe ihrer Sitzstangen haben die großen grüngoldenen Pfauen unter ihren Tüllhauben hervor die Ankömmlinge erkannt und empfangen sie mit einem ungeheuren Trompetenstoß. Der Hühnerstall, der schon lange eingeschlafen war, ist mit einem Schlage wach. Alle Welt ist auf den Beinen. Tauben, Enten, Puter, Perlhühner. Der Geflügelhof ist rein aus dem Häuschen; die Hühner reden davon, die Nacht durchzumachen! … Man könnte meinen, jedes Schaf habe in seiner Wolle mit dem Duft der wilden Alm etwas von jener ungezähmten Bergluft mitgebracht, die beschwingt und trunken macht. Inmitten dieses ganzen Aufruhrs langen die Tiere am heimischen Herde an. Nichts kann so entzückend sein wie dieser Einzug. Die alten Böcke werden weich beim Wiedersehen mit ihrer Krippe. Die Lämmer, die ganz kleinen, die erst auf der Wanderung geboren wurden und den Bauernhof noch nie gesehen haben, blicken verwundert um sich. Aber am rührendsten vor allem sind die Hunde, die braven Hütehunde, die ganz Geschäftigkeit um ihre Tiere sind und für nichts im Hof sonst Augen haben. Der Hofhund kann sie aus dem Innern seiner Hütte lange rufen, der Eimer am Brunnen, ganz voll frischen Wassers, lange ihnen Zeichen machen – sie wollen nichts hören, nichts sehen, bis ihre Herde untergebracht, der schwere Riegel vor die kleine Gittertüre geschoben ist und die Hirten in dem großen Raum zu ebener Erde am Tische sitzen. Dann erst erklären sie sich bereit, in den Hundestall zu kommen, und während sie ihren Suppennapf ausschlappen, erzählen sie ihren Kameraden vom Hofe, was sie da oben in den Bergen getan haben, in dem unheimlichen Land, wo es Wölfe gibt und großen purpurnen Fingerhut, bis zum Rande gefüllt mit Tau.

– Alphonse Daudet aus: Briefe aus meiner Mühle –

 


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